Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716)

Was die Zeitgenossen verblüffte und auch die Nachwelt immer wieder erstaunt, ist Leibnizens Vielseitigkeit. Der französische Frühaufklärer Fontenelle (1657 – 1757) fand dafür einmal die folgenden Worte:

Diese Lesung allerley Bücher ohne Unterscheid, welche er ohne Unterlaß fortsetzte, und der grosse Verstand, welcher sich hierinnen bey ihm hervorthat, machte nun, daß er fast alles wurde, was er gelesen hatte. Und wie die Alten die Geschicklichkeit hatten bißweilen wohl acht in eine Reihe gespannte Pferde zu regieren, so verknüpfte er auch alle Wissenschaften geschicklich mit einander. Wir sind also gezwungen diesen grossen Mann hier zu theilen, und so zu sagen aus einander zu setzen. Das Alterthum machte aus vielen Hercules einen eintzigen, wir müssen hingegen in einem eintzigen Leibnitze vielerley Gelehrte besonders vorstellen.

Neugierde auf die Welt und ihre Struktur ist Leibniz‘ Antriebskraft. Sein Denken reicht von Hannover bis nach China, von den einzelnen Elementen der Dinge (Monaden) zum ganzen Universum, von den ganz nahe liegenden Dingen (per Mikroskop) zu den weit entfernten (per Teleskop). Er denkt für die Kurfürsten in Hannover genau so wie für den russischen Zaren. Elementar ist: Die Welt ist wissenswert, sie ist Wissenswelt, denn sie ist erfahrbar. Leibniz schreibt:

… das was wir hier [auf der Welt] machen können, das ist … langsam entlang diesem Bach lebendigen und reinen Wassers von einfachem und klarem Wissen zu gehen, welcher seine Quelle in uns hat, die uns als Erleichterung dienen kann auf diesem beschwerlichen Marsch und auch Faden durch das Labyrinth ist in den weiten und bedeckten Feldern, welche Stück für Stück größer werden und unser Wissen anwachsen lassen …

Alexandra Lewendoski

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716)

What was so amazing for Leibniz’ contemporaries and posterity and still astounds today are his versatility and his universalism. The French philosopher of the Early Enlightenment, Fontenelle (1657 – 1757) once found the following words in order to express his admiration:

His strenuous reading of all sort of books without distinction and his great intellect made him become almost every thing he had read. And … he also combined all sciences skillfully with each other … The Antiquity created one Hercules out of many heroes; we by contrast have to picture many savants as just one Leibniz.

Leibniz’ thinking ranges from Hanover to China, from the individual elements of things (monads) to the whole universe, from the things very near (seen through microscope) to things faraway (seen through telescope). And he worked both for the Duke of Hanover and for the Russian Czar.

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Die Bibliothek – Menschheitsgedächtnis und Schatzkammer

Vom Wunder Bibliothek

Um 800 nach Christi Geburt wurde sie auf Pergament geschrieben, die Handschrift, die ineinem der Tresore der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek verwahrt wird und die zu den ersten Exponaten dieser Ausstellung gehört. 1200 Jahre ist sie also alt – eine kurze Zeit in der Geschichte der Menschheit, jedoch eine lange Zeit gemessen an der kurzen Lebensspanne eines einzelnen Menschen und von diesem daher auch nicht wirklich nachzuvollziehen. 50 bis 60 Generationen umfassen diese zwölf Jahrhunderte, und immer haben nur jeweils drei, gelegentlich vier aufeinander folgende Generationen die Chance, ein Stück ihres Lebens gemeinsam zu gehen, sich zu begegnen, Informationen direkt auszutauschen. Für alles, was sich vorher zugetragen hat, muss der Mensch auf schriftliche oder audiovisuelle Aufzeichnung und Speicherung zurückgreifen.

In einer Zeit, in der mit den Datennetzen die gewaltigsten Speicher- und Kommunikationsinstrumente der Menschheitsgeschichte zur Verfügung stehen und in Größenordnungen ständig wachsen, die rational nicht mehr nachvollziehbar sind – in unserer Zeit also erfahren Bibliotheken als Gedächtnisspeicher für das von den Menschen in Jahrtausenden akkumulierte Wissen eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit. Bibliotheken bewahren das Wissen, das Menschen über die eigene Lebenszeit hinaus an nachfolgende Generationen weitergeben wollen, indem sie es beschützen und nachhaltig konservieren, ganz gleich, ob dieses Wissen auf Tontafeln geritzt, auf Papyrus, Pergament oder Papier geschrieben, gezeichnet oder gedruckt oder in elektronischen, bald vielleicht auch in biochemischen Speichermedien fixiert ist.

Bibliotheken sind Wunder – sie sind Wunder, weil sie auf kleinstem oder vergleichsweise kleinem Raum die Welt abbilden, wie sie ist, wie sie war, wie sie (möglicherweise) sein wird, aber auch wie sie sein sollte und wie sie sein könnte. Bibliotheken sind Speicher für den Geist der realen Welt ebenso wie für die vielen Welten der Phantasie. Sie bewahren dabei den menschlichen Geist umfassend, in all seiner Vielfalt und Schönheit, in seiner Verkommenheit und Grausamkeit, in seinem Licht und seiner Finsternis. Bibliotheken speichern in ihren Magazinen und Tresoren das Wissen um Gott und die Welt, richtiges und falsches, reales und erdachtes. Bibliotheken bilden die reale Welt wie Alternativwelten, den kollektiven Geist der Menschheit und Menschengruppen wie den Geist vieler Einzelner ab: Und das kann man nur ein Wunder nennen! Jeder aber, der will, kann sich dieses Wunders Bibliothek bedienen und an ihm teilhaben.

Die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek

In Bibliotheken wird Wissen also gespeichert, doch damit allein ist es noch nicht verfügbar. Es muss in adäquaten Formen aufbereitet und der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. In einer Zeit, in der sich Wissensschöpfung und Wissensvermehrung immer mehr beschleunigen, erfüllen Bibliotheken eine Schlüsselfunktion, indem sie Wissen sammeln, erschließen und bereitstellen – Letzteres mittlerweile weltweit. Das kollektive Wissen der Vergangenheit wird in der Gegenwart vermittelt und für die Zukunft nutzbar gemacht. Bibliotheken liefern aus der Tradition heraus Entwicklungspotenziale für die Zukunft. Sie sind lebendige, Welt zugewandte Stätten des geistigen Austausches, des Forschens, Lehrens und Lernens. Sie sind Orte der Bildung, des kulturellen und wissenschaftlichen Transfers in der und für die Region ebenso wie sie Portale sind für den weltweiten Zugang zu Information. Bibliotheken stehen für die Kommunikation mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (GWLB) ist eine Dienstleistungseinrichtung für Wissenschaft und Forschung und gleichzeitig ein Kultur- und Bildungszentrum, ein Ort der Begegnung. Kostbare historische Bestände und moderne Informationsdienstleistungen prägen ihr Bild. Traditionell wird ihre Arbeit bestimmt durch die Erwerbung, Erschließung und 7 Bereitstellung von Literatur in gedruckter und elektronischer Form, also von Büchern und Zeitschriften, aber auch von Datenbanken unterschiedlichster Art. Hybridbibliothek ist der Fachbegriff für eine Bibliothek, die Informationen zugänglich macht, ganz gleich, auf welchen Vehikeln diese transportiert werden.

Die umfangreichen Bestände der GWLB werden in elektronischen Katalogen und Datenbanken nachgewiesen, die miteinander vernetzt und auch über das Internet zugänglich sind. Dieses bietet optimalen Suchkomfort. Die Pflege und Vermittlung der Bestände wird ergänzt durch die umfangreiche Kulturarbeit der Bibliothek, die sich mit Ausstellungen, Vorträgen, Lesungen, Filmvorführungen, Tagungen, Symposien sowie eigenen Publikationen am kulturellen Leben der Stadt, des Landes Niedersachsen und der Bundesrepublik beteiligt.

Über diese allgemeine Funktion der Informationsbereitstellung, Bildung, Wissens- und Kulturvermittlung hinaus sind der GWLB spezifische Aufgaben übertragen. Als Regionalbibliothek deckt sie den Bedarf an wissenschaftlicher Literatur für die Region und steht den niedersächsischen Hochschulen bei der Literatur- und Informationsversorgung als Partner zur Verfügung.

Die GWLB ist als Niedersächsische Landesbibliothek Pflichtexemplarbibliothek, also die zentrale Archivbibliothek ihres Bundeslandes. Das bedeutet, dass alle niedersächsischen Verlage gesetzlich verpflichtet sind, je ein Exemplar der von ihnen verlegten Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Noten, Pläne, Karten etc. an die Bibliothek zu liefern. Die Bibliothek kann als Pflichtablieferungsstelle auf eine fast 300-jährige Geschichte zurückblicken. Auf diese Weise wird von ihr alljährlich sozusagen ein Querschnitt durch die Kultur festgehalten. Dabei werden die Produktionen wissenschaftlicher Verlage ebenso »für alle Ewigkeit“ aufbewahrt wie die Literatur verschiedener Provenienzen. Man findet in der GWLB den Gemeindebrief aus Leer ebenso wie das Kinderbuch aus Oldenburg, das Braunschweiger Schulbuch ebenso wie die Duderstädter Schülerzeitung, den Gedichtband des Heimatdichters aus Helmstedt und das Psychologie-Standardwerk aus Göttingen.

Die Pflichtablieferung ist überdies wichtige Voraussetzung für die Pflege der Niedersächsischen Bibliographie und die darauf basierenden Dienstleistungen des Niedersachsen-Informationssystems. Die umfassende Sammlung und Erschließung von Literatur aus und über Niedersachsen ist ein vielfach genutztes Angebot an die gesamte Bevölkerung des Bundeslandes und an alle Interessierten weltweit.

Die GWLB ist niedersächsisches Zentrum für die Aus- und Fortbildung in bibliothekarischen Berufen und Ausbildungsbehörde für diesen Bereich. Dieser Abteilung ist seit 2004 die Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek zugeordnet.

Als Forschungsbibliothek pflegt die GWLB insbesondere die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit. Damit wird auch die Arbeit an ihrem wohl bedeutendsten Schatz, dem Nachlass des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, unterstützt. Dieser weltweit größte Einzelnachlass aus der Zeit des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts ist von zentraler Bedeutung für die Arbeit der Bibliothek. 2007 folgte die UNESCO dem Vorschlag ihrer deutschen Kommission und damit dem Antrag der Bibliothek und nahm den Briefwechsel aus dem Nachlass im Rahmen ihres Welterbeprogramms in das Weltdokumentenerbe (Memory of the World) der UNESCO auf.

Leibniz

In ihrem historischen Kern geht die GWLB auf Büchersammlungen von Mitgliedern der Welfendynastie zurück. Schon seit der Renaissance kamen in den verschiedenen Residenzorten der Fürsten ansehnliche Buchsammlungen zusammen. Zu diesen gehörte die Sammlung Herzog Johann Friedrich zu Braunschweig und Lüneburg in Celle. Nach Verlegung der herzoglichen Residenz von Celle nach Hannover 1665 gelangte auch die Fürstenbibliothek in die Stadt an der Leine und ergänzte hier den ererbten welfischen Buchbesitz. Die so entstandene 8 größere Sammlung spiegelte die wissenschaftlichen, künstlerischen und bibliophilen Interessen der Hofgesellschaft wider.

Der Grundstock der Bibliothek in Hannover war das Ergebnis späthumanistisch-barocker Bildungsbemühungen in Kombination mit dem Repräsentationsbedürfnis der Dynastie. Am Anfang war die Buchsammlung im Leineschloss untergebracht, wo sie in das Kultur- und Repräsentationsprogramm der Welfen integriert war.

Mit dem Umzug der Fürstenbibliothek von Celle nach Hannover veränderte sich auch ihr Charakter. Durch die Einbindung in das fürstliche Repräsentationsgefüge wandelte sie sich von der privaten Büchersammlung zur Hof- und Regierungsbibliothek. Diese Funktionserweiterung der Bibliothek führte dann auch folgerichtig 1672 zur Bestellung eines ersten Bibliothekars, Tobias Fleischer.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg setzte ein Wettlauf um Rangerhöhungen zwischen den fürstlichen Dynastien im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ein. Während Dynastien wie die Wittelsbacher in diesem Rennen zurückfielen, schafften andere Familien den Aufstieg in die europäischen Königsdynastien. Zu dieser Gruppe dynastischer Aufsteiger gehörten auch die Welfen. 1692 erhob Kaiser Leopold I. das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg in den Rang eines Kurfürstentums. Ab 1714 wurde der Kurstaat nach der welfischen Thronfolge in England in Personalunion mit dem Königreich Großbritannien regiert.

Vor allem dem ständischen Streben der Welfen ist der Ausbau der Bibliothek in Hannover zu verdanken. Der Philosoph und Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) wurde 1676 in das Amt des Hofbibliothekars berufen, das er bis zu seinem Tod versah. Leibniz hatte nicht nur vielfältige bibliothekarische, kulturelle und diplomatische Aufgaben zu erfüllen; er erhielt gleichzeitig den Auftrag, die Geschichte des Fürstenhauses zu erforschen. In Norditalien gelang ihm der wichtige Nachweis der Abstammung der welfischen Fürsten von dem italienischen Adelsgeschlecht der Este. Nun konnten die Welfen dem Kreis des älteren Hochadels zugerechnet werden.

Während Leibniz’ Amtszeit in Hannover wurde das Personal des Hofes um die Stelle eines Hofbuchbinders und die eines Hofkupferstechers erweitert. Letzterer schuf jene Kupferstichplatten, die in den Werken von Leibniz die Größe des fürstlichen Hauses bildlich darstellen sollten. Die 869 Platten haben die Zeitläufe erstaunlicherweise überdauert (so sind sie zum Glück dem Schicksal entgangen, in Kriegszeiten eingeschmolzen zu werden) und gehören heute zu den besonderen, in einem gedruckten Katalog nachgewiesenen Kostbarkeiten der GWLB.

Leibniz war jedoch viel mehr als ein gelehrter Historiker. Mit ihm begann eine stürmische Entwicklung nicht nur der Bibliothek, sondern auch der Wissenschaften in Hannover. Breit gefächert waren seine wissenschaftlichen Interessen und Aktivitäten. Er begründete die Infinitesimalrechnung und ist einer der Erfinder des Binärcodes (er nannte ihn Dyadik) – der Grundlage der Computertechnik. Ebenso beschäftigte er sich mit philologischen und astronomischen Fragen. Er betätigte sich als Architekt und Erfinder von technischen Apparaten, unter anderem Rechenmaschinen.

Nach seinen Konstruktionsanweisungen wurde die erste Vier-Spezies-Rechenmaschine gebaut, mit der alle vier Grundrechenarten durchgeführt werden konnten. Das letzte erhaltene Exemplar wird in der Schatzkammer der GWLB gehütet. Auch Sprachwissenschaft, die Physik und die Logik verdanken Leibniz wesentliche Impulse. Als Wissenschaftsorganisator gründete er die Berliner Akademie der Wissenschaften; er war an der Entstehung der russischen Akademie beteiligt und bemühte sich um Kulturkontakte wie den zwischen China und Europa.

Er entwarf zukunftsweisende Formen wissenschaftlicher Forschung. Als einer der letzten in der europäischen Geistesgeschichte stand Leibniz für einen humanistisch inspirierten Universalismus der Wissenskultur.

Leibniz’ Theodizee und die erst posthum herausgegebenen Nouveaux Essais gehören zu den Grundschriften der europäischen Aufklärung und machten ihn zu einem der intellektu9 ellen Gründungsväter der europäischen Moderne. Hannover wurde zu einem zentralen Ort der res publica litteraria, der europäischen Gelehrtenrepublik. Von hier aus führte Leibniz seine Korrespondenzen, hier schrieb er seine wichtigsten Werke. Sein Nachlass ging als herausragende Sammlung in den Besitz der Bibliothek über und wird an diesem Ort bewahrt, wissenschaftlich erschlossen und gemeinsam mit anderen Forschungsstellen von der Abteilung Leibniz-Archiv der GWLB unter Verantwortung der Göttinger und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ediert.

Nach Leibniz wirkten noch andere bedeutende Gelehrte an der Bibliothek. Sein Nachfolger Johann Georg Eckhart (1716 – 1723) publizierte das Hildebrandslied, das älteste erhaltene althochdeutsche Textmonument. Er entdeckte die Bedeutung der Monseer Fragmente, einer Handschrift aus dem 8./9. Jahrhundert, die in der GWLB aufbewahrt wird. Georg Heinrich Pertz (1827 – 1842) gehörte zu den Gründungsvätern der Monumenta Germaniae historica und zeichnete selbst für die ersten Bände verantwortlich. Im 20. Jahrhundert war der Literaturkritiker und Schriftsteller Werner Kraft von 1928 an als wissenschaftlicher Bibliothekar hier tätig, bis er 1933 von den Nationalsozialisten vertrieben wurde.


Kostbarkeiten

Wenn wir eingangs vom Wunder gesprochen haben, die einzelne Bibliotheken und die Bibliotheken in ihrer Gesamtheit als Gedächtnisspeicher der Menschheit sind, so meinte dies vor allem kollektives und individuelles Wissen, unabhängig davon, auf welchem Vehikel dieses Wissen fixiert und transportiert wird. Doch alte Bibliotheken sind auch wirkliche Schatzkammern, verwahren sie doch Schönes, Kostbares und Einzigartiges. Dabei ist nicht nur wertvolles
Gut in ästhetischem Sinne gemeint, sondern auch Bibliotheksgut, dessen Wert sich daran misst, dass es selten oder sogar ein Unikat ist. Und damit ist die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in reicher Fülle gesegnet: Von mittelalterlichen Handschriften und Drucken aus der Zeit, als die Buchdruckerkunst noch in der Wiege lag (Inkunabeln), geht es zu kostbar gebundenen und reich illustrierten Büchern aus allen Jahrhunderten; und es geht vor allem um Autographen, also mit eigener Hand geschriebene Schriftstücke.

Europäische Potentaten und Geistesgrößen finden sich hier mit ihrer eigenen Handschrift, von Katharina der Großen bis Queen Victoria, von Luther bis Leibniz, von Thomas Mann bis Horst Bienek. Die Bibliothek dürfte zu den bedeutendsten Autographen-Bibliotheken der Welt gehören, und dies natürlich vor allem dank des ungeheuren Nachlasses ihres Namenspatrons.

Ja, Leibniz! Von ihm verwahrt die Bibliothek neben seinen rund 200.000 (in Worten: zweihunderttausend) Einzelblättern auch seine private Bibliothek, verschiedene persönliche Gegenstände und das einzig erhaltene Exemplar einer von ihm entworfenen Rechenmaschine. Es sind dies Kostbarkeiten von Weltrang, nicht nur der Leibniz-Briefwechsel, dem durch die Aufnahme in das UNESCO-Weltdokumentenerbe die ihm gebührende Anerkennung zuteil wurde.

Unendliche Bibliothek

Jahrhundertealtes, wirkungsmächtiges und wertvolles Bibliotheksgut tritt in dieser Ausstellung in den Dialog mit völlig neuen und andersartigen Kommunikationsträgern: Vergangenes wird so unmittelbar mit Gegenwärtigem konfrontiert. Und dieser Dialog könnte es ermöglichen, dass, wenn die materiellen und politischen Umstände es zulassen, in Zukunft jeder Mensch überall und jederzeit virtuell freien Zugang zu diesem und allem Wissen, zu diesen und allen Kostbarkeiten der Welt hat.

Ein Menschheitstraum könnte so in Erfüllung gehen: open access zur unendlichen Bibliothek!

Georg Ruppelt

The Library – Memory of mankind and treasury

The once Royal Library, which since 2005 is named Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (GWLB) has now existed for more than 350 years. Gottfried Wilhelm Leibniz was its director from 1676 to his death in 1716.

The Library exhibits mediaeval manuscripts and prints from the period when the art of print-ing was just beginning (incunabula) as well as precious books of all centuries. There also ex-ists a huge collection of autographs as for example hand-written letters of Catherine the Great.

The Gottfried Wilhelm Leibniz Library has also treasured the literary estate of Leibniz (approx. 200,000 pages) and the only model of his calculating machine that has survived. In 2007, his correspondence (more than 15,000 letters) became part of the UNESCO world heri-tage of documents.

In this exhibition antique, precious properties of the Library enter into dialogues with new vehicles for communication. Maybe human beings will have open virtual access to any kind of knowledge in the near future: open access to an unlimited library! But this will never re-place the aura of the original.

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Monumentum Gloriae Ernesti Augusti, Leichenpredigt auf Kurfürst Ernst August, 1704

Monumentum Gloriae Ernesti Augusti

Das Titelkupfer zeigt im Zentrum unter dem Bogen Ernst August, dargestellt als römischer Triumphator auf einem von vier Pferden gezogenen Wagen, darum herum gruppiert zahlreiche Vignetten, die an die wichtigsten Ereignisse und Taten seines Lebens erinnern. Ganz´zentral ist dabei die Verleihung der Kurwürde, direkt über dem Herrscherbildnis – vorgeführt als sein wohl größter Sieg. Die anderen Felder verweisen vor allem auf seine militärischen Erfolge und seine Reisen.

Gleich zu Beginn der Herrschaft Ernst Augusts versuchte Leibniz den Wirkungsbereich des Herzogs in jede Richtung zu erweitern und trug ihm eine ganze Reihe neuer Ideen vor: Man könne doch eine herzogliche Druckerei einrichten, um damit Geld zu verdienen, oder noch besser eine Kunstkammer, in der man alle neuen Maschinen und die im Harz zu findenden Mineralien zeigen könne – einen Hinweis auf die herausragende Bedeutung des Bergbaus findet man auch links oben neben dem Giebelfeld des Triumphbogens. Leibniz war so eifrig, dass er in den ersten Jahren nach dem Regierungsantritt für Ernst August nahezu 40 Schriften verfasste, in denen es um alles Mögliche und auch Unmögliche ging, so zum Beispiel um die Herstellung von Leinen oder die Verhüttung von Erzen aus Sumatra.

Die erste Aufmerksamkeit des Herzogs aber zog Leibniz mit dem Abschiedsgedicht auf sich, das er zum Begräbnis Johann Friedrichs verfasst hatte und das zugleich Ernst August eine große Zukunft versprach. Dieser soll so davon begeistert gewesen sein, dass er es einige Zeit lang immer wieder gelesen hat.

Trotzdem konnte Leibniz nicht dasselbe enge Verhältnis zum Herzog aufbauen wie ehedem zu Johann Friedrich: Er war nicht mehr der bevorzugte Gesprächspartner, sondern nur einer unter vielen. Das lag vor allem daran, dass Ernst August nicht viel übrig hatte für die speziellen Interessen seines Hofrates. Als ihm Leibniz im August 1680 von einem gerade erfundenen Dampfkochtopf berichtete, mit dessen Hilfe man beispielsweise Geflügel mit samt den Knochen weich kochen und genießbar machen könne, kann er den Herzog trotz kunstvoller Überzeugungsarbeit nicht dazu bringen, diesen Topf anzuschaffen.

Was Ernst August dagegen immer zu schätzen wusste, waren Vorhaben, die sein Machtstreben unterstützten. Diesen Weg wird Leibniz auch einschlagen, indem er im April 1685 ein Gutachten über eine italienische Chronik, in der auch die Welfen dargestellt sind, vorlegt. Darin schlägt er die Ausarbeitung einer Hausgeschichte vor. Wenn Leibniz die Abfassung dieser Hausgeschichte dreißig Jahre beschäftigt, dann vor allem deshalb, weil seine Interessen so weit gestreut waren.

Leibniz widmete sich fast jedem wissenschaftlichen Gebiet: sprachwissenschaftlichen Studien, wie etwa der Frage, welches die Ursprache der Menschheit gewesen sein mag, oder der Archäologie, indem er sich zum Fund eines prähistorischen Skeletts äußerte, an dessen Zahn er nachweist, dass es sich nicht um einen Riesen, sondern um ein Mammut gehandelt habe.

Im Februar 1698 starb Ernst August, zwei Monate später war das Leichenbegängnis. Dafür verfasste Leibniz die Personalien. Er charakterisierte den Kurfürsten als gerechten, klugen und vorurteilslosen Menschen.

Maria Marten

 

Monumentum Gloriae Ernesti Augusti, Eulogy in praise of Duke Ernst August, 1704

 

In February 1698, Ernst August died and two months later the funeral took place. Leibniz wrote the personal details for the occasion. He characterises the Duke as a fair, intelligent and liberal person.

Monumentum Gloriae Ernesti Augusti

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Brief von Katharina der Großen an Johann Georg Zimmermann, 1786

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Der literarische und wissenschaftliche Diskurs schlug sich im 17. und 18. Jahrhundert auch in einer regen Briefkommunikation zwischen prominenten Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur nieder, wie der umfangreiche 2007 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommene Leibniz-Briefwechsel zeigt. Besonders im 18. Jahrhundert unterhielten herausgehobene Vertreter der Aufklärung wie Voltaire, Friedrich der Große und Friedrich Nicolai eine umfassende Korrespondenz. Ein Beispiel hierfür ist der 1785 einsetzende Briefwechsel zwischen der russischen Zarin Katharina II. (die Große, 1729 – 1796) und dem Arzt und Schriftsteller Johann Georg Zimmermann (1728 – 1795).

Die an der Aufklärung interessierte Katharina gilt als klug, belesen und vielseitig begabt. Als Briefeschreiberin steht sie mit an der Spitze des 18. Jahrhunderts: Neben Zimmermann korrespondierte sie u. a. regelmäßig mit den wichtigsten Vertretern der französischen Aufklärung, Voltaire, Diderot und d’Alembert, aber auch mit anderen gekrönten Häuptern wie dem »roi philosophe« Friedrich dem Großen. Ihre aufklärerischen Bemühungen sind besonders im Bildungswesen sichtbar: Russland nahm zu ihrer Zeit zahlreiche ausländische Studenten und Professoren auf; aufklärerisches Bildungsgut aus anderen europäischen Ländern wurde von der russischen Elite stark rezipiert.

Johann Georg Zimmermann war seit 1768 königlicher Hofrat und Leibarzt in Hannover; darüber hinaus unterhielt auch er ein umfangreiches Korrespondentennetzwerk. Als Mediziner war sein Rat von wichtigen Staatsoberhäuptern wie Friedrich dem Großen und Katharina der Großen gefragt. Sein Nachlass befindet sich in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. Die Korrespondenz mit Katharina hat vor allem medizinische, aber auch politische Themen zum Inhalt.

In dem vorliegenden Brief (datiert Sankt Petersburg, den 26. Dezember 1786) nimmt Katharina Bezug auf ihre bevorstehende Reise über Kiew zur Halbinsel Krim (auch als Taurische Reise bekannt), die der politischen Demonstration der Zarin im Angesicht des geplanten Krieges mit dem Osmanischen Reich dienen sollte. Die so genannten Potemkinschen Dörfer haben ihren Ursprung in dieser Reise.

Björn Schreier

Letter from Catherine the Great to Johann Georg Zimmermann, 1786

The literary and scientific discourse of the 17th and 18th century was not least based upon the correspondence between celebrities in politics, science and culture. The best example is the extensive correspondence of Leibniz which, in 2007, was admitted to the UNESCO world’s heritage of documents. Particularly in the period of enlightenment, eminent personalities such as Voltaire, Frederick the Great or Friedrich Nicolai maintained large correspondence. Another example is provided by the correspondence between Catherine II. (1729 – 1796) and the physician and writer Johann Georg Zimmermann (1728 – 1798), begun in 1785.

In the present letter (dated St. Petersburg, 26th of december 1786) Catherine refers to her imminent journey to the Crimean peninsula via Kiew. This was meant to be a political demonstration shortly before the planned war against the Ottoman Empire. The so-called Potemkin villages were built during this journey.

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Karte des nördlichen Sibirien: Verlauf von Berings Erster Kamtschatka-Expedition, 1729


Die Erforschung des Endes der Welt und die Frage nach dem Ursprung der Menschheit: Gleich zwei Fragen von solch universaler Bedeutung gaben den Anlass zur so genannten Ersten Kamtschatka-Expedition unter der Leitung des in russischen Diensten stehenden dänischen Entdeckers Vitus Bering (1681 – 1741), die in dieser Karte dokumentiert wird.

Bei einer Zusammenkunft von Leibniz mit dem russischen Zaren Peter dem Großen 1716 in Bad Pyrmont befragte Leibniz den Zaren nach der Existenz einer Landverbindung zwischen Asien und Amerika, um dadurch Aufschluss über den gemeinsamen Ursprung der Menschheit zu erhalten. Peter, der keine Antwort wusste und zugeben musste, über die Grenzen seines eigenen Reiches nicht Bescheid zu wissen, visierte deshalb eine Erkundungsreise an, mit der er Bering kurz vor seinem Tod beauftragte. Neben diesem wissenschaftlichen Anliegen hatte die Expedition auch ein kommerzielles: die Entdeckung eines direkten Seeweges durch das Polarmeer nach Ostasien.

Die Expeditionsgruppe brach 1725 in St. Petersburg auf; auf der Karte ist die Route ab der damaligen sibirischen Hauptstadt Tobolsk nach zu verfolgen. 1728 stach Bering von der Ostküste der Halbinsel Kamtschatka aus nordwärts in See, musste aber aufgrund widriger Witterungsbedingungen umkehren. Bering hatte die nach ihm benannte Meerenge zwar schon durchquert; der endgültige Beweis einer fehlenden Landverbindung und eine genaue Küstenbeschreibung konnte aber erst auf einer zweiten Expedition (ab 1733, ebenfalls unter Berings Leitung) erbracht werden.

Die während der Exkursion entstandene Karte zeigt neben der Expeditionsroute typische Vertreter der autochthonen sibirischen Stämme und verbindet damit in schöner Weise kartographische mit ethnologischen Informationen.

Björn Schreier

Map of Northern Siberia: course of Bering’s first expedition to Kamtschatka, 1729

In 1716, when Leibniz met the Russian Czar Peter the Great in Bad Pyrmont, he asked him whether there might be a connection between Asia and America. But the Czar had no answer to this question and therefore asked Bering to undertake an expedition. This was not only for scientific but also for commercial reasons: the discovery of a direct sea route through the Arctic ocean to Eastern Asia would be a benefit in more than one way.

In 1725, the expedition started from Saint Petersburg. The map shows the route taken from the Siberian capital Tobolsk. In 1728, Bering started on the East Coast of the peninsula Kamtschatka but had to return because of bad weather. Bering had already crossed the straits named after him, but the final proof of a missing connection and a description of the coast could not be established before Bering’s second expedition as of 1733.

Karte Nordsibiriens

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Ansicht der Stadt Hannover, um 1760

Dieser Kupferstich stellt das Panorama der Stadt Hannover mit den wichtigsten städtischen Bauten und Kirchen dar und vermittelt uns einen ungefähren Eindruck vom Umfeld, in dem Leibniz wirkte.

Die von zwei Platten gedruckte Ansicht zeigt die befestigte Stadt innerhalb einer agrarisch geprägten Umwelt: Vor den Toren der Stadt liegen noch umfangreiche Hude- und Weideflächen. Vor der Schleifung der Befestigungsanlagen am Ende des 18. Jahrhunderts und der Aufhebung der Torsperre um 1820 war die Ausdehnung des Stadtgebietes eingeschränkt; zudem wurden Pläne für Stadterweiterungen nach Süden und Norden aufgrund der Übersiedlung der hannoverschen Residenz nach London nicht durchgeführt (mit Ausnahme der ab 1748 errichteten Ägidienvorstadt). Daher änderte sich das Stadtbild seit der Leibnizzeit nur geringfügig und erst im 19. Jahrhundert grundlegend.

Der Betrachter schaut von Südwesten auf das wirklichkeitsgetreue städtische Interieur, das von einer kulissenhaften Landschaft umgeben ist. Hervorzuheben ist die Darstellung in der Kavalierperspektive, einer im Barock charakteristischen Ausdrucksform des Kartenbildes.
Björn Schreier

View of Hanover, around 1760

This copper engraving offers a panoramic view of Hanover with the most important buildings and churches and gives a general impression of the surrounding of Hanover – the town where Leibniz worked.

Ansicht der Stadt Hannover

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Die Leidensgeschichten des heiligen Kilian und der heiligen Margareta, 10. Jahrhundert

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Heiligenviten hatten als literarisches Genre im Mittelalter eine große Bedeutung. Das hier vorliegende Beispiel gilt als der älteste erhaltene Vertreter der Untergattung libellus (Büchlein). Der Kodex war wohl für eine Frau bestimmt, wie die weiblichen Anredeformen (z. B. Indigna sum ego) in drei der vier Gebete am Schluss nahe legen. Abgesehen von den Gebeten enthält der Kodex die Legende des heiligen Kilian von Würzburg und die aus dem Griechischen übersetzte Legende der heiligen Margareta aus Antiochia in Pisidien.

Kilian von Würzburg (gest. 689), Patron der Diözese Würzburg, stammte aus Schottland (zumindest laut dieser Quelle) und wirkte als Missionar in Franken. Margareta erlitt nach der Legende 305 das Martyrium, weil sie sich weigerte, dem Werben eines heidnischen Verehrers (und Christenverfolgers) nachzugeben und zudem noch ihren Glauben bekannte. Sie gilt als eine der vierzehn Nothelfer. Ikonographisch ist sie daran zu erkennen, dass sie mit einem Drachen (als Erscheinung des Teufels) dargestellt wird, den sie überwunden haben soll.

Die zu oberst stehende Szene zeigt den taufenden Kilian.

Nina Otto

Prayer Book, 10th century

In the Middle Ages, the description of the lives of the saints was a very important literary genre. The passion of Kilian and Margarete, which is shown here, is known as the oldest surviving example of a libellus. Like some other famous saints Kilian came from the British Isles to the European continent to proselytize and to convert the Germans to christianity. Eventually, he did succeed, but died in the effort. Margarete was decapitated in 305 AD, because she refused to marry a heathen and persecutor of the Christians.

Gebetsbuch

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Schatzkammer