Karte der Sturmflut an der Nordsee, 1717, 1718


Die ständige Auseinandersetzung des Menschen mit seiner natürlichen Umwelt ist das zentrale Thema der vorliegenden Landkarte des Nürnberger Kartographen und Verlegers Johann Baptist Homann (1664 – 1724). Die Karte zeigt die Nordseeküste von der Zuidersee bis nach Nordfriesland nach der Jahrhundertflut vom 25. Dezember 1717 (aufgrund des Datums auch Weihnachtsflut genannt), die nicht nur die Küstenlinie, sondern auch das Leben der Menschen veränderte. Die grüne Flächenkolorierung auf der Karte bezeichnet die weiten Landstriche überschwemmten Marschlandes, in denen über 11.000 Menschen den Tod fanden.

Der kartographische Inhalt ist teilweise unrichtig (so die Darstellung der Insel Nordstrand in ihrem alten Zustand vor der Burchardiflut von 1634) und nimmt auch nur 40 Prozent des Kartenblattes ein; vielmehr ragt die Karte durch das aus Textkartuschen, Bildern und Allegorien bestehende Beiwerk heraus.

Hier wird gleich zweimal der römische Dichter Ovid zitiert: Im Motto der Karte Obruerit cum tot saevis Deus aecquoris undis / Ex illis mergi pars quota digna fuit? (Schüttet ein Gott das Wasser über so viele dahin: allein, wer von ihnen verdient‘, darin auch zu ertrinken?) greift er die göttliche Willkür auf, in der linken Textkartusche führt er das Nebeneinander von Natur und menschlichem Schicksal auf. Dies ist im Kontext mit der Abwendung der Wissenschaften von rein theologischen Erklärungsmustern (Bewertung von Katastrophen als großem Strafgericht) zu sehen. Ovid wird hier zudem als Autorität angeführt, um dem Ausmaß der Flut in entfernteren, nicht betroffenen Regionen Deutschlands zu mehr Glaubwürdigkeit zu verhelfen.

Durch die Darstellung von technischen Einrichtungen des Küstenschutzes (Deiche, Siele) erhebt Homann zudem einen didaktischen Anspruch: Der Mensch soll sich der Herausforderung mittels technischer Neuerungen stellen. Homann setzt hier die Karte also eher als Ausdrucksmittel philosophischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ein denn als rein kartographische Abbildung.

Björn Schreier

Map of the storm tide alongshore of the north sea coast, 1717, 1718

This map by the cartographer and editor Johann Baptist Homann (1664 – 1724) from Nuremberg shows the North Sea coast from the Zuidersea to Northern Friesland after the flood of the century dated 25 december 1717 (also called Christmas flood). The green coloured area displays the fens where more than 11.000 people died.

Karte der Sturmflut an der Nordsee, 1717

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